Markus Hippert – Neulich beim LARP

Ich habe mal wieder gelarpt. Wir rennen in unserer Gewandung durch Wald und Wiese und lösen Aufgaben, die es im Rollenspiel zu lösen gibt, den Plot. Und häufig gibt es auch einen Angriff, den wir mit unseren Gummischwertern und -äxten abwehren. Die Angreifer können normale Räuber:innen oder Ritter:innen sein oder auch Drachen oder andere Fantasiewesen. Und damit die/der holde Jungfrau/Jungmann gerettet werden kann, der Schatz befreit, das Land von Dämonen gereinigt, wird der eine oder andere Kampf gefochten oder das eine oder andere Rätsel gelöst und unsere Fantasie läuft auf Hochtouren.

Da sind wir nun beim LARP. Eine Lichtung umgeben vom Wald. Auf der einen Seite der Lichtung plätschert leise ein Bach und auf der anderen Seite führt ein Weg tief in den Wald hinein. Auf der Lichtung sind Zelte aufgebaut und auch ein Friedhof ist vorhanden (natürlich kein echter Friedhof, sondern nur ein paar Grabsteine aus Styropor). Die Dämmerung setzt ein und langsam ziehen auch feuchte Luft und Nebel vom Bach auf. Es brennt die eine oder andere Fackel vor den Zelten. In einem Zelt leuchtet die Glut sehr hell und man hört den Schmied, wie er das Eisen bearbeitet. Immer wieder hört man die regelmäßigen leichten Schläge auf das warme Eisen. Die Bewohner:innen der Zelte unterhalten sich über ihre letzten Abenteuer und welche Kämpfe sie schon geschlagen haben und was auch heute im Laufe des Tages passiert ist. Ein richtig schöne Atmosphäre.

An diesem und den letzten Tagen ist schon viel passiert. Räuber:innen haben diesen Ort heimgesucht und viele magische und nichtmagische Orte und Gegenstände zerstört. So langsam konnte einige Orte wieder hergestellt werden. Auch verlorene Gegenstände wurden gefunden und ihre Bedeutung für das große Rätsel wurde etwas klarer. Auch wurden weitere Bandit:innen, die das schnelle Geld machen wollten, in die Flucht geschlagen oder auf dem Weg in den Wald (im Spiel) getötet. So langsam freuen sich die Bewohner:innen auf einen netten Abend in der Taverne und wollen den Tag mit „Wein, Weib und Gesang“ ausklingen lassen.

Plötzlich sind im Wald Geräusche zu hören. Es sind Geräusche, die auf dem Weg aus dem Wald zu hören sind. Ein komisches Schnaufen und Stöhnen. Doch auch sich menschlich anhörende Töne lassen sich vernehmen. Sind es Wanderer, die zu so später Stunde durch den Wald kommen und in der Taverne noch eine sichere Unterkunft für die Nacht suchen? Die Bewohner:innen der Lichtung haben ihre Gespräche eingestellt und blicken in den dunklen Wald. Der aufsteigende Nebel nimmt die Sicht und es fühlt sich auch immer feuchter und kälter an. Die Fackeln und Feuerstellen scheinen nicht mehr die Wärme abzugeben, die sie vorher abgegeben haben.

Die Geräusche werden immer lauter und auch unheimlicher. Noch lässt sich nichts erkennen. Plötzlich kommt schreiend zwei Kinder aus dem Wald, die dort noch etwas gespielt hatten. Jetzt sehen es auch die anderen Bewohner:innen. Menschen, aber sie sehen nicht sehr gesund aus. Sie bewegen sich unnatürlich und ihre Haut ist ganz blass und weiß. Es sind Untote.

Die Waffen werden gezogen und jede:r Kampfbreite reiht sich ein, um die Lichtung zu verteidigen. Die Untoten bewegen sich nur langsam vorwärts und die Bewohner:innen haben die Chance durch ihre Geschwindigkeit die Untoten aufzuhalten. Die Untoten sehen aus wie die Räuber:innen, die hier im Dorf waren und auf dem Weg getötet wurden. Die Bewohner:innen fassen Mut, diese Menschen wurden schon mal besiegt. Jetzt kann es auch klappen. Ein Untoter fällt im Kampf und verschwindet. Die nächste Untote wird auch besiegt. Auch dieser Körper verschwindet. So geht es mit allen untoten Angreifer:innen. Sie werden besiegt, aber ihre Körper verschwinden. Einige der Bewohnerinnen sind verletzt, aber es gibt Erleichterung unter den Bewohner:innen der Lichtung. Die Untoten sind besiegt.

Doch schon wieder kommen Geräusche aus dem Wald. Die Untoten sind zurück. Der neue Angriff ist viel schwieriger abzuwehren, weil sich die Verletzungen bemerkbar machen. Doch auch dieser Angriff kann abgewehrt werden. Doch auch diesmal ist die Ruhe nur von kurzer Dauer. Die Untoten sind wieder zurück. Es wird immer schwieriger sie aufzuhalten und ein Bewohner ist so schwer verletzt, dass der Heiler sich länger um ihn kümmern muss. Die Untoten kommen immer weiter auf die Lichtung. Doch endlich ist auch dieser Angriff vorbei.

Die Bewohner:innen befürchten das Schlimmste und es passiert auch. Die Untoten kommen wieder aus dem Wald. Langsam lassen bei einigen die Kräfte nach. Die jungen Reck:innen haben noch Kraft und stellen sich immer wieder den Untoten. Fast alle Untoten sind wieder besiegt. Doch einer hat es weit auf die Lichtung geschafft. Er schleicht langsam auf den Friedhof zu. Ein Krieger nutzt die Position hinter der Untoten und schlägt sie gezielt mit dem Schwert um.

Doch wieder hat es nicht geholfen. Die Untoten kommen wieder zurück. Die Älteren unter den Bewohnern mahnen dieses Mal zur Zurückhaltung. Lasst die Untoten diesmal gewähren und greift sie nicht an. Lasst und beobachten, was passiert. Die Untoten kommen immer näher und die Krieger:innen stehen mit gezogenen Waffen bereit. Doch die Untoten greifen nicht von selber an. Sie gehen zum Friedhof. Die Kämpfer:innen folgen ihnen mit gebührendem Abstand. Am Friedhof suchen sie sich einen freien Platz und fordern die Krieger:innen zum Kampf heraus. Eine junge Kämpferin nimmt ihren ganzen Mut zusammen und tritt einem Untoten entgegen. Ein kurzer Kampf und der Untote wird besiegt und sein Körper bleibt auf dem Grab liegen und verschwindet nicht. Auch die anderen Krieger:innen greifen jetzt an. Alle Untoten sterben und liegen auf den Gräbern. Ein Geistlicher spricht noch einen Segen und die Leichen werden beerdigt. Der Spuk ist vorbei.

Als Christ und als Naturwissenschaftler hat mich dieser Plot sehr an den Klimawandel und das Umgehen damit erinnert. Mir ist auch bewusst, dass das Beispiel an vielen Stellen nicht ganz passend ist. Das Angreifen der Untoten scheint mir unser aktueller Umgang mit dem Klimawandel zu sein. Wir stecken sehr viel Geld und Kraft in die Reparatur von Klimawandelschäden. Und wir versuchen mit den bewährten Mitteln, den Klimawandel etwas aufzuhalten. Doch die bewährten Mittel reichen bei weitem nicht aus. 1972 hat der Club of Rome schon den Bericht über „Die Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht. Um diese Zeit wurden auch schon die ersten Klimamodelle entwickelt und berechnet und auch die ersten wissenschaftlich belegten Warnungen wurden gemacht. Doch wir haben nicht richtig darauf gehört. Wir haben den Klimawandel etwas bekämpft. So mit unseren Schwertern und Äxten. Doch dieses Etwas ist nicht ausreichend.

Der Klimawandel steht jetzt in der Mitte der Lichtung. Wir können uns nicht mehr davor verstecken und die ersten Opfer sind nicht zu übersehen. Die Bewahrung der Schöpfung kann nicht mehr warten. Ich denke, dass auch wir einen radikalen Strategiewechsel brauchen. In dem Tempo, in dem wir bis jetzt etwas getan haben, ist das Problem nicht mehr zu lösen.

In der Systemtheorie nennt sich das, was die Bewohner:innen der Lichtung beim LARP gemachte haben, eine Lösung 2. Ordnung finden. Das Alte radikal weglassen und etwas Neues machen. Das Neue wird nicht von an Anfang an funktionieren und es wird Rückschläge geben. Ein Beispiel aus aus dem Sport ist der Technik-Wechsel im Hochsprung in den 1968. Die damalige Technik über die Latte zu kommen war mit dem Bauch zur Latte. Der sogenannte Straddle wurde von Dirk Fosbury nicht genutzt, sondern er versuchte es mit dem Rücken über die Latte. Der bis heute genutzte Fosbury-Flop hat höhere Höhen ermöglicht als damals gedacht.

Auch beim Klimawandel müssen wir radikale Maßnahmen treffen. Mit dem Festhalten an fossilen Energieträgern werden wir nicht weiterkommen. Natürlich sind noch nicht alle Probleme gelöst. Vor dem Verbot der Glühlampe konnte ich mir nicht vorstellen, dass es schöne energiesparende Glühbirnen geben könnte. Die jetzigen LED-Leuchten haben mehr Formen und Möglichkeiten eröffnet. Das ist aber erst passiert, als das Alte nicht mehr da war. Und es wird dabei eine Zeit der Unsicherheit geben. Wir sollten in dieser Zeit auf Gott und Wissenschaft vertrauen.

Wir müssen spätestens JETZT den radikalen Schritt in die Zukunft gehen. Für langsame Schritte und das Warten auf die passenden Technologie fehlt uns die Zeit. Diese Zeit hatten wir seit den 1970ern gehabt und in den letzten 50 Jahren ist mit diesen langsamen Schritten zu wenig passiert.

Dass große Kraftanstrengungen und tiefgreifende Maßnahmen möglich sind, das hat uns die Coronakrise gezeigt. Auch Jesus und Luther haben einen Systemwechsel bewirken wollen. Die Forderungen, die Jesus in der Bergpredigt gestellt hat, sind auch heute nicht einfach umzusetzen. Manchmal kommt man mit dem immer Gleichen nicht weiter und wir müssen jetzt unser Leben und die Politik auf einen anderen Weg bringen. Und die Politik muss sehen, dass viele, dass wir dazu bereit sind, diese Schritte zu gehen und diese Schritte auch fordern. Diese Aufgabe sehe ich als Christ, um Gottes Schöpfung zu bewahren.

Ich hoffe, dass es bald heißt: Neulich auf der Demo: Der Klimawandel wird gestoppt.

Markus Hippert. Teil der Nerdchurch. Lehrer für Biologie und ev. Religionslehre. Schulentwicklungsberater. Rollenspieler und Mitglied bei der Ortsgruppe Christians for Future Witten.

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