Andrea Richter – Die grüne Sophia

O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf,
reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloß und Riegel für.
O Gott, ein‘ Tau vom Himmel gieß, im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken, brecht und regnet aus den König über Jakobs Haus.
Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal.

Friedrich Spee, 1622, Ev. Gesangbuch Nr. 7

Die Worte des alten Adventsliedes treffen mich ins Herz. Mich berührt, dass die Menschheitssehnsucht nach Trost und Veränderung der Verhältnisse hier in so einer unauflöslichen Verbundenheit mit den lebendigen Naturphänomenen beschrieben wird: dem Wolkenbruch, dem Himmelstau – und der auf diese himmlische Wässerung mit Keimen, Grünen und Blühen antwortenden Erde. Die Zeit im Advent ist seit Alters eine Zeit fürs Innehalten, für Rückbesinnung und Neuorientierung. Wo sind die spirituellen Traditionen und Quellen, an die wir anknüpfen können für die notwendig anstehenden Transformationsprozesse? In jedem Fall werden wir für die Neuorientierung Weisheit benötigen! Die Kraft göttlicher Weisheit sieht Hildegard von Bingen, die große Heilige des Mittelalters, in der „Heiligen Grüne“ am Werke. Sie kann uns jetzt im Advent den Weg weisen:

Die grüne Sophia[1]

Hildegard sieht den ganzen Makrokosmos und damit auch den Mikrokosmos des menschlichen Körpers von einer einheitlichen Kraft durchwirkt sieht, der sancta viriditas, der „Heiligen Grüne“.

Eine göttliche Kraft.

Als von Gott gezeugte und von ihm her zeugende Kraft wirkt es in allem Grünen – im übertragenen Sinn auch in der Vereinigung von Mann und Frau. Als Keimkraft im werdenden Kind ist sie besonders stark. Vom Konkreten bis hin zum Spirituellen ist alles Lebendige von dieser Kraft durchströmt, eine einzige Keim- und Schöpfungskraft, die zugleich Ruhe und Gleichgewicht mit sich bringt.

Im Grün kommen alle Dinge zur Ruhe. So kennt sie die wohltuende Wirkung der Farbe auf die Sehnerven, auf müde und kranke Augen. All unser Gesunden gründet nach ihr im Wiederanschluss an die viriditas.[2]

Träger der spirituellen Grünkraft ist vor allem der Heilige Geist. In einer ihrer Visionen steht die Weisheit Gottes als weibliche Gestalt mit einem grünen Seidenmantel bekleidet im Kreis der Welt, die grüne Sophia.

Hildegard begreift den ganzen Kosmos, Wind, Tau und Regenluft, Kräuter und Gräser, alles durchwirkt vom göttlichen Feueratem – oder eben durchpulst vom lebendigen Grün. Alles ist aufeinander bezogen, alles stiftet Beziehung und ruft den Menschen zur Bezogenheit auf.

Welch berührende Einladung jetzt im Advent!

Literaturhinweis: Ingrid Riedel, Hildegard von Bingen, Prophetin der kosmischen Weisheit, S. 122 f


[1] Hildegard von Bingen, Vision X der Kosmos Schrift; Bild: Farbtafel VII, Welt und Mensch, Codes Latinum 1942, Lucca, Bibliotheca Statale, fotografiert von einem Poster von Andrea Richter

[2] Vgl. Ingrid Riedel, Hildegard von Bingen, Prophetin der kosmischen Weisheit, Stuttgart 2005

Andrea Richter, Studienleiterin für Spiritualität im Amt für kirchliche Dienste (AKD) in Berlin.
Spiritualität ohne Empathie mit der ganzen Schöpfung ist für mich undenkbar. Theologisches Nachdenken über eine Ökologische Spiritualität ist mir ein wesentliches Anliegen – und die Frage, wie wir als Akteur:innen innerhalb der Kirche unserer konkreten Verantwortung nachkommen und welche spirituellen Übungswege wir dabei gehen können.

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